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Stille, Kontemplation, Konzentration
Ende Februar starb der bedeutende russische Künstler Juri Borodatchev im Alter von 65 Jahren. Er wohnte und malte seit 1993 in der Schweiz, gründete hier seine beliebte Kunstschule, fertigte für die Stadt Winterthur Gemälde und Fresken an und hinterliess ein bedeutendes Werk.
Biographie
Juri Borodatchev wurde 1945 in der russischen Stadt Samara geboren. An der Kunstakademie Charkow genoss er eine gründliche akademische Ausbildung. Danach unterrichtete er an der Kunstakademie und am Technikum Samara. 1975 wurde er in den bedeutenden russischen Kunstverein, dem nur die allerbesten Künstler des Landes angehörten, aufgenommen. Darauf erhielt er wichtige Aufträge für das russische Kulturministerium, Museen, Universitäten und Firmen. Im offiziellen Stil des sowjetischen Realismus malte er zahlreiche Fresken, Plakate, Kunstgrafiken und Illustrationen für Kinderbücher. 1990 erhielt er in Moskau den renommierten Preis „Der goldene Pinsel“. Doch im Geheimen arbeitete er an seinem eigenen Stil und malte auch abstrakte Bilder. Diese konnten aber nur illegal ausgestellt werden. Nach der Perestroika erfolgte die künstlerische Öffnung, er wurde mit der internationalen Kunstszene vertraut und bekam Kontakt mit Künstlern und Kunstinteressierten aus aller Welt. So verkaufte er auch Werke ins Ausland und mehrere Ausstellungen in verschiedenen Ländern zeigten seine Bilder.
Erst 1993 konnte er an einer Ausstellung in Winterthur persönlich anwesend sein. Er war von der Schweiz und von der Freiheit, die sie ihm bot, begeistert. Anlässlich der Vernissage lernte er seine zukünftige Frau Maria Sigrist kennen und kehrte danach nicht mehr nach Russland zurück. Zusammen gründeten sie 1995 seine erfolgreiche Kunstschule ZMK in Winterthur. Dort unterrichtete er als Kunstdozent zahlreiche kunstinteressierte Menschen und leitete verschiedene Malkurse wie auch Studienlehrgänge. Seine Schüler verehrten ihn als grosses Vorbild.
1997 wurde Juri Borodatchev mit dem nationalen Kulturpreis „Arti figurative in pittura“ der Accademia della Torre in Carrara, Italien, ausgezeichnet. Seit 2000 war er Mitglied der „Visarte“, der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten. Seine Bilder wurden in Australien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und der Schweiz ausgestellt. Für die Stadt Winterthur fertigte er Fresken und Gemälde an und malte für das Stadttheater Bühnendekorationen.
2009 eröffnete Juri Borodatchev in der Altstadt von Diessenhofen sein Atelier „Art Juri“. Das malerische Städtchen hatte er durch eine seiner Malschülerinnen entdeckt. Am Rhein fühlte er sich ebenso wohl wie damals an der Wolga in Russland. Deshalb verlegten er und seine Frau im Herbst 2010 ihren Wohnsitz nach Diessenhofen. „Von hier gehe ich bis zum Ende meines Lebens nie mehr weg“, sagte er nach seinem Umzug. Juri Borodatchev starb am 24. Februar 2011 an einem Herzstillstand. Seiner Frau hat er über 200 Werke hinterlassen, die in seinem Atelier weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich sind.
Werke von Borodatschev befinden sich heute im Kunstmuseum Samara und im Literaturmuseum „Lew Tolstoij“, im Fundus des Kulturministeriums Russlands, in der grössten, ältesten Galerie „Mars“ in Moskau und in weltweitem Privatbesitz.
Die russische Bildtradition
Zitat (Martin Kraft) „Wer wie Borodatschev allzu lange realistisch gemalt hat, muss immer wieder versucht sein, zu einer anderen Ebene vorzustossen. Wir erleben es mit ambivalenten Bildern der Landschaft, wo die Autobahn das Grün verdrängt, aber zugleich eine fast euphorische Stimmung des Aufbruchs in die Ferne vermittelt. Das Grün, die Natur, ist überhaupt wichtig für den Künstler, nicht einfach als etwas Abzubildendes, sondern als eine Energie, die es in Farbe und Form zu übertragen gilt.
Häufig tauchen Figuren und Gesichter auf, das Bild beherrschend, wenn auch kaum im Sinne von Porträts, oder in ihm bloss silhouettenhaft erscheinend. Im weiteren Sinne ist für den Künstler seine ganze Malerei, in der sich sein Empfinden und Erleben ausdrückt, Selbstporträt. Eine spezifische russische Bildtradition klingt an: die Volkskunst, im Besonderen die Ikonenmalerei, deren Spiritualität in der russischen Moderne weiterlebt. An sie erinnern manche Bilder mit ihren leuchtenden Rot-, Gelb- und Brauntönen, wie überhaupt die Farben, lange Zeit eher verhalten, in letzter Zeit viel intensiver wurden. Wenn sich dann ein beherrschendes Rot mit seiner auf Anhieb sehr klaren Komposition verbindet, verspürt man den Willen, in unserer reizüberfüllten Welt die Betrachtenden mit einem starken ersten Eindruck zu packen – um sie dann zum genaueren Hinschauen zu führen. Erst diesem erschliesst sich, was sich oft über die Malerei als zweite Bild- und Bedeutungsebene legt: Zeichnen, Linie, Worte, Zahlen. Aber es zieht den Maler stärker auf die Gegenseite zu dem, was gerade in einer überreizten Zeit nottut: Stille, Kontemplation, Konzentration. Neben Landschaft und Porträt kommt da ein dritter klassischer Bildtyp mit ins Spiel: das Stillleben, das aber dann weiter abstrahiert wird.“ |